RUDOLF STEINER ALS BEGRÜNDER DER WALDORFPÄDAGOGIK
Die Waldorfpädagogik basiert auf den Ideen des berühmten Philosophen und Lehrers Rudolf Steiner, der 1861 in Österreich-Ungarn geboren wurde.
Sein Lebensweg war darauf gerichtet das vielseitige Wissen über den Menschen, das Universum und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zu erkennen. Mit besonderen Fähigkeiten in der Naturwahrnehmung sah er es als seine Aufgabe an, neue Methoden zur Erforschung der inneren Welt des Menschen auf wissenschaftlicher Grundlage zu finden.Als Ergebnis schuf er auf der Grundlage der organischen Synthese kosmischer Prozesse und der Hauptrichtungen der Entwicklung des Menschen und der Menschheit eine geisteswissenschaftliche Menschenkunde - die Anthroposophie (von den griechischen Wörtern "Mensch" und "Weisheit").
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Steiner vor Vertretern verschiedener Gesellschaftskreise über die Ergebnisse seiner Forschungen berichtet, wichtige wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Werke verfasst und publiziert. In diesen Jahren wächst die Zahl seiner Unterstützer und Schüler. Darin tauchen neue Fragen auf, die Steiner wiederum veranlassen, die Initiative zu ergreifen und anthroposophische Ideen in neue Wirkungskreise einzubringen. Er schreibt mehrere Mysteriendramen und bringt sie auf die Bühne, erschafft eine neue Bewegungskunst, die mit Gesten unterschiedliche Qualitäten von Sprachlauten und Tonklängen ausdrückt - die Eurythmie. In Dornach bei Basel baut er ein ungewöhnliches Gebäude nach eigenen Entwürfen, das er Goetheanum nennt. Dieser Palast wird zu einem Zentrum spiritueller und wissenschaftlicher Arbeit, zu einer Heimat für verschiedene Arten von Kunst.
Durch sorgfältige Beobachtung des Biorhythmus der Pflanzen und deren Verbindung mit kosmischen Naturrhythmen entwickeln Steiner und seine Anhänger neue Anbaumethoden, es entsteht die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Heute übersteigt die Fläche, auf der eine solche Landwirtschaft betrieben wird, 1 Million Hektar, und die Nachfrage nach biologisch-dynamischen Produkten in der Welt wächst ständig.
Eine umfassende Analyse der Entwicklung des Menschen als Ganzheit erlaubt einen neuen Blick auf die Methoden seiner gesunden Lebensbegleitung - auf Erziehung, Lernen und Behandlung. In dieser Zeit wurden Steiners Ideen geboren, die bald in die Waldorfpädagogik und die Anthroposophische Medizin einfließen sollten.
Die Gesellschaft erlebte damals die katastrophalen Folgen der schrecklichen Umwälzungen nach dem Ersten Weltkrieg. Im Frühjahr 1919 drohte Deutschland ein Bürgerkrieg. Arbeitslosigkeit herrschte, die Wirtschaft ging zurück, Demonstrationen und Unzufriedenheit drohten. Die Frage nach der Zukunft Deutschlands und der ganzen Welt ist akut geworden.
Deshalb wagte Steiner in dieser schwierigen Zeit sein Konzept der sozialen Transformation der Gesellschaft vorzubringen. Er schreibt Appelle an das deutsche Volk, hält Reden und Berichte. Und obwohl die Beispiele, die er in seinen Artikeln und Reden nannte, von den damaligen Realitäten bestimmt waren, bleiben sie bis heute aktuell.
Steiner schlug das Konzept einer "dreifachen" Gesellschaft vor, in der geistige Freiheit im Bereich des kulturellen Lebens, demokratische Gleichheit im rechtlichen Bereich und soziale Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben organisch miteinander verbunden werden. Diese Art des Zusammenlebens der Menschen entspreche seiner Meinung nach der gesunden Entwicklung sowohl des Einzelnen als auch der menschlichen Gemeinschaft.
Steiner hoffte 1919, dass Staatsmänner, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um eine friedliche demokratische Entwicklung der Gesellschaft zu erreichen. Doch seine Hoffnungen erfüllten sich nicht. Er prophezeite, dass die Menschheit ansonsten den Weg von Totalitarismus, Revolutionen und Kriegen weitergehen werde, bis die Forderungen einer dem Zeitgeist entsprechenden Gesellschaftsordnung erfüllt seien. Die gesamte Geschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts bestätigte seine Vorhersage.
Rudolf Steiner glaubte, dass es zum Wiederaufbau der Gesellschaft notwendig ist, neue Menschen zu erziehen und das Bildungs- und Erziehungssystem kreativ zu reformieren. Deshalb entwickelt er die Prinzipien der Neuen Pädagogik und bildet auch Lehrer entsprechend aus.
1919 wurde auf Initiative von Emil Molt, Direktor der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, und unter der pädagogischen Leitung von Rudolf Steiner die erste Waldorfschule für Fabrikarbeiterkinder in Stuttgart eröffnet. Die Schule hatte acht Klassen und 256 Schüler. Die Aktivitäten der Schule erregten bald die Aufmerksamkeit der pädagogischen Gemeinschaft. Steiner wird in verschiedene Städte Deutschlands, der Schweiz und Englands eingeladen, um Vorträge über die von ihm begründete Pädagogik zu halten. Stenographiert bilden sie zusammen mit den Lehrerseminaren der Stuttgarter Schule Steiners pädagogischen Nachlass, der insgesamt 15 Bände umfasst.